aus: Kirche und Leben, 11.12.2008

Pater Winfried Pauly von den Redemptoristen in Bottrop-Kirchhellen ist Streetworker im Dorstener Stadtteil Wulfen-Barkenberg

Der Mann, der „vandalismusfeste“ Hütten baut

Auf dem Klingelschild des mehrgeschossigen Hochhauses steht »P. Pauly« – doch für die Jugendlichen ist er einfach der Winni: Seit achteinhalb Jahren arbeitet Pater Winfried Pauly vom Orden der Redemptoristen als Streetworker im Dorstener Stadtteil Wulfen-Barkenberg. Drei Mal in der Woche macht er sich auf den Weg vom Jugend-Kloster Bottrop-Kirchhellen in die Hochhaussiedlung am nördlichen Rand des Ruhrgebiets. Für die Jugendlichen sei er »ein absoluter Fremdkörper«, sagt der 46-Jährige: ein erwachsener Mann, studiert, dazu noch von der Kirche. Doch mittlerweile ist er im Stadtteil bekannt und vor allem bei den Jugendlichen hoch geschätzt.

»Winni ist für die wie eine Institution«, sagt Pater Pauly. Wenn die Jugendlichen fragten »Ist Winni heute offen?«, meinten sie damit die Wohnung in der ersten Etage des Hochhauses, die die Wohnungsgenossenschaft dem Redemptoristen-Pater zur Verfügung gestellt hat. Wenn das Licht brennt und ein weißes Blatt mit der Aufschrift »offen« im Fenster hängt, ist Pater Pauly da. Feste Öffnungszeiten gibt es nicht. Denn: »Die Arbeit auf der Straße hat Vorrang.«

 

Nach der Wende war Pater Pauly bereits neun Jahre lang Streetworker in Brandenburg an der Havel. Als er im Jahr 2000 ins Kloster nach Bottrop-Kirchhellen kam, hat er zunächst ermittelt, wo in der Nähe des Klosters der Bedarf für Sozialarbeit, die auf der Straße stattfindet, am größten ist. Das Ergebnis lautete Barkenberg: ein junger Stadtteil, der in den 1960er Jahren im Zug des Bergbaus auf dem Reißbrett entworfen wurde. Mehrspurige Straßen, getrennte Auto- und Fußwege, keine Ampeln, viel Grün: Bis zu 60.000 Menschen sollten dort ein Zuhause finden, erzählt Pater Pauly beim Rundgang durch die zum Teil achtgeschossigen Häuserzeilen.

Plätze schaffen

Doch die Masse blieb aus. Schnell wurden die Hochhäuser zum sozialen Brennpunkt. Sozial benachteiligte Familien, Asylbewerber und Spätaussiedler wurden dort auf engstem Raum untergebracht. Heute wohnen etwa 12.000 Menschen in Barkenberg. »Die Hälfte der Kinder und Jugendlichen lebt in Hartz IV-Haushalten.«

Zurzeit wird der Stadtteil verschönert: Hochhäuser werden »zurückgebaut«; die obersten Geschosse werden abgetragen. Andere Häuser wurden in fröhlichen Gelb- und Rottönen gestrichen. Dadurch verschwinden die Probleme dahinter nicht, sagt Pater Pauly. Alkohol, Drogen, Beziehungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Gewalt, Kriminalität: »Gerade die Kinder und Jugendlichen, die ihre Freizeit draußen verbringen, haben eine ganze Menge Probleme«, erzählt Pater Pauly während des Rundgangs durch den Stadtteil.

Viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, gibt es nicht. »Entweder kann man nach‘m Winnie gehen oder Billard spielen«, zählt ein Jugendlicher auf. Oder ins Café Pott, eine teiloffene Tür der katholischen Kirche. »Was soll man sonst machen?« Es fehle an Plätzen, wo Jugendliche sich treffen können, wo sie gewollt sind, kritisiert der Streetworker. »Die Jugendlichen gehören dazu. Sie sind Teil unserer Gesellschaft.«

Daher initiierte er vor einigen Jahren das Hüttenprojekt: Gemeinsam mit den Jugendlichen baute er an fünf Plätzen im Ort wetterfeste Holzhütten mit Sitzbänken – ähnlich wie Bus-haltestellen – an denen sich die Jugendlichen treffen können. Auch »vandalismusfest« hätten sie sein müssen. »Man hat mir höchstens drei Wochen gegeben«, sagt Pater Pauly und fügt hinzu. »Die Hütten stehen fast sechs Jahre.«

In einer der Hütten sitzen acht Jugendliche und hören Musik. Pater Pauly gesellt sich zu ihnen, fragt, wie es ihnen geht und ezählt. »Wer ist das?«, fragt eine der Jugendlichen und blickt misstrauisch auf den Mann in der gelben Regenjacke, der auf einmal in ihr Revier eindringt und sich mit ihren Freunden unterhält. »Der hat die Hütten gebaut«, erklärt ihr eine Freundin. Sofort hellt sich der Blick auf: »Ich finde Sie cool!«

Gast bei den Jugendlichen

Das erste Jahr als Streetworker war nicht leicht, erinnert sich Pater Pauly. »Die Jugendlichen haben viel Erfahrung mit Vertrauensmissbrauch. Bis da ein Vertrauen wächst, ist es ein großer Schritt.« Als Streetworker sei er Gast bei den Jugendlichen, sagt Pater Pauly. Die Kirche verfolge mit ihren Angeboten normalerweise eine »Komm-Her-Struktur«. Die Streetwork sei dagegen eine »Geh-Hin-Struktur«. »Wenn die mit mir nichts zu tun haben wollen, muss ich das respektieren.« Anfangs konnte er sein Auto nicht in der Nähe parken, da es sonst bespuckt und zerkratzt wurde. Er war ein Fremdkörper, ein Konkurrent und stieß auf massive Provokation. »Das war ein Test«, sagt er heute. »Sie wollten testen, ob ich wiederkomme.«

Er kam wieder. Über Spiele, die er auf der Straße anbot, bekam er nach und nach Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen. Wichtig sei, nicht mit einem fertigen Konzept zu kommen, sondern den Jugendlichen zuzuhören, herauszufinden, was sie beschäftigt. »Man muss Präsenz zeigen, ein offenes Ohr haben für die Themen der Jugendlichen«, sagt Pater Pauly. Manche würden sagen: der lässt vieles zu. »Ich sage: Der hält vieles mit aus.«

Neben den Hütten hat Pater Pauly gemeinsam mit den Jugendlichen und einem niederländischen Künstler die Fußgänger-Unterführungen bunt bemalt. Sie greifen die Themen der Jugendlichen und die Probleme des Stadtteils auf, zeigen aber auch die bunten Seiten des Lebens. In einem ehemaligen Waschkeller, der zu einer Holzwerkstatt umgebaut wurde, werken zwei Vorruheständler mit den Kindern und Jugendlichen. Um den Raum zu bekommen, musste Pater Pauly etwa 40 Nachbarsfamilien überzeugen, Werkzeug besorgen und nach Sponsoren suchen.

Wenn er heute durch den Stadtteil geht, trifft er viele langjährige Bekannte. »Hey Winni«, rufen ihm Jugendliche zu und grüßen ihn mit Handschlag. Auch die Erwachsenen bekommen mit, was er für die Kinder und Jugendlichen tut. »Er ist der Anlaufpunkt für Jugendliche, die Probleme haben und hat immer ein offenes Ohr für sie«, sagt ein Nachbar, den Pater Pauly unterwegs trifft. Wenn er sich nicht kümmern würde, würde das keiner machen. »Viele hätten sonst ganz andere Sachen gemacht. Das rechne ich ihm hoch an«, sagt er und fügt hinzu: »Er macht das, weil sein Herz für sie schlägt. Mit dem Glauben hat das nichts zu tun.«

Doch Pater Pauly, der gleichzeitig die Jugendarbeit am Jugend-Kloster in Kirchhellen leitet, schöpft seine Motivation für die Arbeit auf der Straße aus dem Motto des Ordens »den Armen die Frohe Botschaft verkünden«. Übersetzt in die heutige Zeit bedeute dies, für die benachteiligten Menschen da zu sein. Gott sage zu Mose: »Ich bin der ›Ich-bin-da‹«. Er sei eben in Barkenberg für die Jugendlichen da, sagt Pater Pauly. In diesem Sinne verstehe er auch die Hütten. »Das ist eine Vermittlung christlicher Werte auf einer sehr alltagsnahen Ebene.«

Von sich aus fange er nur in Ausnahmefällen an, über religiöse Dinge zu sprechen, sagt Pater Pauly. Sein Lebensstil, der Einsatz für die benachteiligten Jugendlichen solle für sie ein Fragezeichen sein. Die Frage »Warum machst du das?« komme dann irgendwann von selbst.

Zukunftspläne

Zurück in der Wohnung: Hier ist es warm, es gibt Sofas, Jugendliche spielen Billard und Darts. Ständig klingelt es, es kommen neue Besucher. Im Besprechungsraum wird über Schulprobleme und Berufswünsche gesprochen. Ein Gymnasiast bittet um die Möglichkeit, bei Pater Pauly seine Sozialstunden abzuarbeiten, die ihm ein Gericht auferlegt hat. Dann klopft es. »Hey Winni«, sagt ein Jugendlicher und steckt grinsend den Kopf zum Büro rein. »Wir haben noch 'ne Rechung offen – Darten.«

 

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