Kein Superman

Am Rottmannshof "wird Vermittlungsarbeit zwischen den Generationen gebraucht.

"Streetworker muss "immer wieder neue Motivationsarbeit leisten"

Dorsten, 21.11.2008

Mit dem Kletterprojekt hatte Pater Pauly im April genau den Nerv vieler Jugendlicher getroffen. (WAZ)

Mit dem Kletterprojekt hatte Pater Pauly im April

genau den Nerv vieler Jugendlicher getroffen.

 

 DAS GROSSE WAZ-INTERVIEW MIT PATER PAULY

Wulfen. Nicht ganz ein halbes Jahr ist es her, seit die Stadt Dorsten den Bericht zur Kinderarmut in Dorsten vorgelegt hat. Wulfen ist immer ganz vorne mit dabei: bei den armen Kindern, den Kindern aus ein-Eltern-Familien, den Kindern aus Zuwandererfamilien. Einer, der die Situation in Barkenberg ganz genau kennt, ist der Redemptoristenpater Winfried Pauly vom Jugend-Kloster Kirchhellen, der seit vielen Jahren als Streetworker in Barkenberg arbeitet und vor sechs Jahren gemeinsam mit Jugendlichen die Hütten baute. Mit ihm sprach WAZ-Redakteurin Ute Hildebrand-Schute über die Situation der Jugend in Barkenberg.

Was hat sich getan in Wulfen?

Pater Pauly: Unser Skulpturenprojekt mit Jugendlichen war zuletzt ein schöner Erfolg. Es war toll, mitzuerleben, wie die Firma Günnemann und Grosse sich auf die Jugendlichen eingestellt hat und die Mitarbeiter wochenlang mitgemacht haben.

Was bringt ein solches Projekt für die Jugendlichen?

Pater Pauly: Ich erlebe dabei, wie schwer es ist, die Jugendlichen jedes Mal neu zu motivieren. Ich gehe bewußt auf diejenigen zu, die nicht immer sofort mitmachen. Dabei hilft mir mein Ruf, dass das, was ich anpacke auch meistens klappt. Und die Jugendlichen - eine bunt gemischte Gruppe von verschiedenen Religionen und Kulturen - erleben, dass sie zusammen etwas schaffen können, und sie sind stolz darauf. Man muss aber immer neue Motivationsarbeit leisten. Manche Jugendliche leben nur in den Tag hinein, 50% von ihnen unter Hartz IV-Bedingungen. Oft fehlt die Erfahrung, dass die Eltern morgens aufstehen und zur Arbeit gehen.

Können Sie Erfolge Ihrer Arbeit sehen?

Pater Pauly: Ich kann das an einzelnen Beziehungen festmachen, wenn Jugendliche im guten Sinne "rausgewachsen" sind oder ich ihnen irgendwo an ihrer Lehrstelle wiederbegegne. Aber ich erlebe natürlich auch immer wieder die Ohnmacht, ich verändere die Welt nicht. Ich bin ja kein Superman. Es gibt aber immer wieder Ermutigung, neue Kontakte. Kürzlich hat sich z.B. ein Ruheständler gemeldet und seine Arbeit angeboten. Der ist nun bei Aktionen dabei und berät Jugendliche bei der Berufsfindung und bei Bewerbungen. Er sagt, dass ihn die Arbeit total bereichert hat und dass es bei den Jugendlichen soviel Potenzial gibt, das nicht abgerufen wird.

Wie kann man die Situation in Barkenberg verbessern?

Pater Pauly: Es sollte eine stärkere Vernetzung der Jugendarbeit geben. Förderlich wäre, wenn sich alle Aktiven von den Kirchen, vom KiJuFaz, vom Gemeinschaftshaus zusammensetzen und gemeinsam überlegen würden, was verbessert werden kann.

In der letzten Wulfen-Konferenz ist kritisiert worden, dass der Rottmannshof Jugendliche nur unzureichend anspricht.

Pater Pauly: Die Hütten sind stark nachgefragt, aber sie können ja kein Ersatz für offene Jugendarbeit sein. Da stellt sich die Frage, ob es andere adäquate Möglichkeiten gibt. Jugendliche wollen ja auch mal privat feiern und suchen einen Raum dafür. Und dass der Rottmannshof freitags um 19 Uhr zu macht, ich finde, das geht nicht. Natürlich muss man nach den Gründen dafür gucken.

Am Rottmannshof gibt es Ärger mit den Nachbarn, wenn's zu laut wird, wie sieht es an den Hütten aus?

Pater Pauly: Das sind ständige Aushandlungsprozesse mit den Anwohnern, man muss das Bewußtsein dafür schaffen, dass es hier verschiedene Interessenslagen gibt, und die LEG darf nicht nur Anwalt der Erwachsenen sein. Da wird die Vermittlungsarbeit zwischen den Generationen gebraucht, ich sehe mich da manchmal als Dolmetscher. Für manche Erwachsene ist es z.B. ein Problem, dass ich an den Hütten mit aufräume ("Du machst deren Dreck weg!"), anderen gibt das aber auch einen Anstoß zum Nachdenken.

Verschiedene Vorfälle in der jüngsten Vergangenheit erwecken den Eindruck, dass es mehr Gewalt unter Jugendlichen gibt. Stimmt das?

Pater Pauly: Gewalt ist ein gleichbleibendes Thema, es gibt nicht mehr, aber auch nicht weniger. Man darf den einzelnen Jugendlichen aber nicht nur als Gewalttäter wahrnehmen, sondern muss auch die anderen Seiten an ihm sehen. Es gibt Jugendliche, bei denen ich zugleich kriminelles Verhalten und hohes soziales Engagement vorfinde.

Wie erleben die Jugendlichen eigentlich den Stadtumbau?

Pater Pauly: Für manche ist das ein positives Signal: Es tut sich was, Barkenberg lebt. Bei anderen überwiegen die Ängste vor höheren Mieten in den sanierten Häusern. Manche Eltern wollen deshalb wegziehen, obwohl die Kinder bleiben wollen, für die ist der Umbau ein rotes Tuch.

Ich denke, der Stadtumbau ist ein guter Prozess für den Stadtteil und ich erlebe eine tolle Kooperation mit der LEG. Schön wäre es, wenn das Stadtteilbüro auch über den Stadtumbau hinaus bestehen bleiben könnte als Ansprechpartner für die Bevölkerung.

 
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